Einleitung
Stell dir vor, du betrittst ein Geschäft, in dem du alles kostenlos bekommst. Du musst für die angebotenen Waren kein Geld bezahlen. Doch am Eingang wirst du gebeten, dich komplett auszuziehen und deine Kleidung an einen Haken an der Wand aufzuhängen. Jeder, der vorbeigeht, darf deine Kleider ansehen, anfassen und fotografieren. Klingt völlig pervers? Genau so funktioniert aber das Internet, wie wir es heute kennen.
Wir nutzen Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Cloud-Dienste, die scheinbar nichts kosten. Doch der Preis für die Nutzung dieser Services wird nicht in Franken oder Euro bezahlt, sondern mit unserer Privatsphäre. Unsere Daten werden hemmungslos gesammelt, analysiert und verkauft.
Wer wirklich unabhängig bleiben möchte, braucht eine Alternative. Und diese Alternative heisst «Freie Software». Doch was bedeutet das eigentlich? Und warum lohnt es sich, dafür zu zahlen?
Freie Software heisst nicht gratis und ohne Kosten
Viele möchten umsteigen. Weg von Google, Apple, Facebook (Meta – also auch WhatsApp und Instagram!), Amazon, Microsoft
Dabei führt der Weg unweigerlich zur Nutzung von freier Software. Was aber ist «freie Software»? Mehr dazu unter: Free Software Foundation Europe
Der Begriff «frei» ist hier missverständlich. Er bezieht sich nicht auf den Preis (wie bei «Free Beer»), sondern auf die Freiheit (wie bei «Free Speech»). Es geht um das Recht, die Software zu studieren, zu verändern und weiter zu verteilen. Doch diese Freiheit hat einen Preis, der oft unsichtbar bleibt.
Warum «frei» nicht «gratis» bedeutet
Die Vorstellung, dass Software, die niemandem gehört, keine Kosten verursacht, ist ein grober Trugschluss. Hinter jeder freien Software stecken hohe menschliche und technische Ressourcen.
Zunächst einmal fallen Entwicklungskosten an. Jemand muss den Code schreiben, Fehler beheben, Sicherheitslücken schliessen und neue Funktionen entwickeln. Das erfordert spezialisierte Fachkräfte, die oft Jahre ihres Lebens in ein Projekt investieren. Diese Entwickler sind keinesfalls Roboter; sie brauchen Nahrung, Wohnraum und ein Einkommen. Wenn sie ihre Arbeit nicht bezahlt bekommen, müssen sie einen Job annehmen, der sie von der Entwicklung freier Software ablenkt. Oder aber: Projekte werden mangels Einnahmen eingestellt, weil die Entwickler abspringen, da sie ihre Lebenskosten sonst nicht decken können.
Dazu kommen Infrastrukturkosten. Selbst wenn der Code kostenlos ist, braucht er Server, um verteilt zu werden (Download-Server), Rechenleistung für Tests, Domains und ein Hosting für Webseiten und Speicherplatz für Backups. Diese Dinge kosten monatlich eine Stange Geld. Auch die Verwaltung von Communities, das Moderieren von Foren und das Organisieren von Meetings verbrauchen Zeit und Geld.
Schliesslich gibt es Rechtliche und administrative Kosten. Freie Software wird oft von Vereinen oder Stiftungen verwaltet. Diese benötigen Anwälte, um Lizenzen zu prüfen, Verträge abzuschliessen und sich gegen Klagen zu wehren. Auch die Buchhaltung und das Spendenmanagement erfordern professionelle Betreuung. Das alles kostet Geld.
Die Illusion des «kostenlosen»
Bei BigTech-Produkten sind diese Kosten nicht etwa verschwunden; sie werden nur verlagert. Wir zahlen nicht mit Geld, sondern mit unseren Daten. Die Unternehmen verdienen an uns, indem sie unsere Aufmerksamkeit und die dadurch gesammelten Informationen verkaufen. Bei freier Software hingegen sind wir die Kunden, nicht das Produkt. Wenn wir die Entwicklung unterstützen, finanzieren wir direkt die Unabhängigkeit der Technologie.
Es ist also nicht fair, von Entwicklern zu erwarten, dass sie ihre Arbeit umsonst erledigen, nur weil die Lizenz «frei» ist. Freiheit ist ein Wert, den es zu schützen gilt. Wer «Freie Software» nutzt, sollte verstehen, dass dies eine Investition in eine Zukunft ist, in der wir nicht von den kommerziellen Interessen einiger weniger Tech-Oligarchen abhängig sind.
Lohn und Motivation für geleistete Arbeit
Wenn wir zur Arbeit gehen, erwarten wir auch einen Lohn für die investierte Zeit und die geleistete Tätigkeit. Im Gegenzug sollten wir aber auch etwas für die wertvollen und oftmals mit viel Herzblut entwickelten Tools abgeben, die unter freien Lizenzen veröffentlicht und angeboten werden. Nur so kann deren Fortbestehen und die Entwicklung sichergestellt werden.
Die Menschen, die hinter diesen Projekten stehen, machen ihre Arbeit vielfach nebenberuflich – in ihrer Freizeit. Anstatt also im Freibad zu liegen und sich die Sonne auf den Rücken brennen zu lassen, sitzen sie hinter ihren Bildschirmen und entwickeln Werkzeuge, die es uns allen ermöglichen, ohne Zwang und Abhängigkeit einen Computer oder ein Smartphone zu nutzen und dabei auch auf Datenschutz nicht verzichten zu müssen.
Die Arbeit dieser Menschen sollte uns etwas Wert sein, damit sie ihrer Passion nachgehen können und weiter Software schreiben, deren kostbare Existenz uns allen am Herzen liegt.
BigTech vs. Free Software
Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass wir uns darauf besinnen, welche Software wir für welchen Zweck einsetzen. Betriebssysteme, Anwendungsprogramme, Apps und Webdienste. In sämtlichen Bereichen dominieren die Angebote von grossen, US-Amerikanischen Unternehmen, die aktuell für negative Schlagzeilen sorgen. Sie gaukeln ihren Benutzern vor, dass ihre Dienste «gratis» zur Nutzung zur Verfügung gestellt werden.
Die Dienste von BigTech sind allerdings keineswegs kostenfrei. Ganz im Gegenteil. Wer diese Angebote nutzt, bezahlt mit dem Recht auf persönliche Freiheit. Die Software und die Dienste von den grossen Playern bereichern sich an den Nutzerdaten und verwenden diese, um damit abhängig machende Geschäftsmodelle aufzubauen. Und noch viel mehr:
Wie GAFAM mit unseren Daten reich wird
Die fünf grossen US-Tech-Konzerne – Google, Apple, Facebook (Meta), Amazon und Microsoft – verdienen Milliarden mit unseren persönlichen Informationen. Nicht ohne Grund beherbergt genau diese Branche die reichsten Menschen der Welt.
Jedes Mal, wenn wir etwas suchen, klicken, liken oder kaufen, hinterlassen wir digitale Spuren. Diese Daten werden gesammelt, kombiniert und analysiert. Daraus entstehen detaillierte Profile über unsere Gewohnheiten, Vorlieben, Ängste und Beziehungen. Diese Profile werden wiederum an Werbetreibende verkauft, die genau wissen wollen, wem sie was verkaufen können. Je genauer das Profil, desto höher der Preis.
Gleichzeitig nutzen die Konzerne diese Daten, um ihre eigenen Produkte zu verbessern und Konkurrenten zu verdrängen.
Wir sind also nicht die Kunden – wir sind das Produkt.
Wer diesen Zeilen misstraut oder gerne mehr Hintergrundinformationen dazu hätte, wie Big Tech mit uns spielt und seine Nutzer ausnutzt; dem kann ich die Dokumentation «Die gefährlichsten Firmen der Welt – Big Tech» von ZDF nur ans Herz legen. Auch für gestandene Datenschützer und digital unabhängige Poweruser ist diese kurze Serie auf jeden Fall einen Blick wert:
https://www.zdf.de/dokus/zdfinfo-die-gefaehrlichsten-firmen-der-welt-big-tech-100
Und wo steht Europa in Bezug auf Free Software?
Aus Europa kommen viele Protokolle, Softwareprojekte und Betriebssysteme, die alle auf freien Lizenzen basieren. Ein paar Beispiele: HTTP/HTTPS & HTML & URL (wurden allesamt am CERN in der Schweiz von Tim Berners Lee und Team entwickelt), Linux, KDE Plasma, Mastodon, LibreOffice, Nextcloud, oder auch die beliebten Linux-Betriebssysteme openSUSE und Ubuntu.
Wie wir sehen, wäre also ein Web ohne die Innovation von Europa gar nicht möglich gewesen; es wäre sozusagen inexistent. Denn ohne das Standardprotokoll HTTP/HTTPS, das in Kombination mit HTML, der Auszeichnungssprache, und der URL, dem Adressierungssystem, zur Übertragung von Webseiten verwendet wird, und ohne Linux, auf dem ein Großteil der Server im Web betrieben wird, könnten Clouddienste wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure, Google Cloud Platform (GCP) oder auch Meta’s interne Infrastruktur von Big Tech gar nicht angeboten werden. Es ist also schon fast ein bisschen ironisch, wenn man genauer darüber nachdenkt.
Tipp: Ein hervorragender Beitrag, der die Ambivalenz zwischen Europäischen Free Software Projekten und der US Big Tech Industrie beleuchtet: https://ploum.net/2026-01-22-why-no-european-google.html
Freie Software: Schlüssel für Europa?
Europa versucht gerade, unabhängiger von den großen US-Tech-Konzernen wie Microsoft, Meta und Google zu werden. Ein wichtiger Baustein, um dieses Ziel zu erreichen ist definitiv freie Software – also Betriebssysteme und Programme, deren Code offen liegt und von allen genutzt, verbessert und geteilt werden kann.
Die Europäische Union setzt dabei auf mehrere Hebel: Mit neuen Gesetzen wie dem Digital Markets Act (DMA) soll verhindert werden, dass die Tech-Riesen ihre Marktmacht hier bei uns missbrauchen. Gleichzeitig fördert die EU eigene Projekte wie Gaia-X, eine europäische Cloud-Infrastruktur, die nicht von einzelnen Firmen kontrolliert wird. Auch öffentliche Einrichtungen werden ermutigt, auf Open-Source-Lösungen umzusteigen, statt sich von proprietären Systemen abhängig zu machen.
Das Ziel ist klar: Europa will digitale Souveränität erreichen – also selbst bestimmen können, welche Technologien genutzt werden und wer die Kontrolle darüber hat. Doch dieser Weg ist steinig. Die großen Plattformen sind tief in unserer Infrastruktur verankert, und viele Menschen haben sich über Jahre an sie gewöhnt. Eine vollständige Ablösung wird daher einige Zeit brauchen. Aber mit freier Software hat Europa ein Werkzeug in der Hand, um langfristig eine eigenständige digitale Zukunft aufzubauen.
Jede Stimme zählt
Wir alle können unseren Beitrag zur Verbreitung und Entwicklung von freier Software leisten, indem wir unsere Stimme über die Brieftasche abgeben. Jede Stimme zählt. Und wer bezahlt – der wählt.
Software ohne Zwang und ohne ausspioniert zu werden, nutzen zu können, sollte uns allen etwas wert sein. Es ist an der Zeit zu handeln und zu verstehen, dass Freiheit und Unabhängigkeit Geld kostet. Viel zu lange haben wir uns einlullen lassen von den gehypten Versprechungen der Marketingabteilungen von Big Tech.
Eine «Geiz ist Geil»-Mentalität führt uns in den Abgrund und wenn wir auf dem harten Boden der Realität aufschlagen, ist es bereits zu spät. Denn dann haben wir unsere Freiheit verkauft und sind den absurden Ideologien und Geschäftsmodellen einer Industrie zum Opfer gefallen, die uns über Jahrzehnte hinweg schlicht und einfach an der Nase herumgeführt hat, um selber massive Gewinne einzufahren.
Wollen wir uns das wirklich gefallen lassen? Die Entscheidung liegt bei allen, die sich für oder gegen einen Webdienst, ein Programm oder ein Betriebssystem entscheiden. Damit wir weiterhin freie Software nutzen können, sind diese Projekte gerade jetzt auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Jetzt, wo der Druck wächst und Big Tech mit Gesetzen versucht, alternative Angebote zu drangsalieren. Denn von Luft und Liebe lässt sich auch Open Source nicht flächendeckend etablieren.
Liste von Open Source Projekten
Ich habe hier eine Liste zusammengestellt, mit Links zu den jeweiligen Spenden-Seiten, auf denen man direkt einen Beitrag leisten kann. Dabei handelt es sich keineswegs um eine abschliessende oder wertende Auflistung. Es sind einfach die Projekte, die ich persönlich täglich nutze und die mich schon länger auf meinem Weg, weg von Big Tech, begleiten.
Hinweis: Viele dieser Projekte sind auch offen durch aktive Unterstützung in Form von Übersetzungen, Hilfe beim Gestalten der Webseite oder durch aktive Entwicklung der Codebasis – es muss also nicht immer einfach nur Geld bezahlt werden!
Betriebssysteme
- Debian: https://www.debian.org/donations
- Linux Mint: https://linuxmint.com/donors.php
- GrapheneOS: https://grapheneos.org/donate
Desktop Umgebungen
- KDE: https://kde.org/de/donate/
- Gnome: https://donate.gnome.org/
Anwendungsprogramme & Apps
- Thunderbird: https://www.thunderbird.net/de/donate/
- Mozilla Firefox: https://donate.mozilla.org
- KeePassXC: https://keepassxc.org/donate/
- Darktable: https://www.darktable.org/donate/
- LibreOffice: https://www.libreoffice.org/donate/
Apps
- F-Droid: https://f-droid.org/de/donate/
- DavX5: https://www.davx5.com/donate
Soziales Netz
- Mastodon-Instanz: Auch unser Zugang zum wunderbaren Fediverse (und ja ich weiss, dass Mastodon nicht das einzige Tool ist, um Zugang zum Fediverse zu haben), verdient hin und wieder etwas Liebe. Ermöglicht es uns doch, hier offen und ohne getrackt zu werden, miteinander zu kommunizieren.
- Mastodon: https://joinmastodon.org/sponsors
- Peer-Tube: https://joinpeertube.org/contribute
Webdienste
- Nextcloud: https://nextcloud.com/de/contribute/
- MetaGer (Suma-EV): https://suma-ev.de/
Mitmachen?
Welche Software ist Dir besonders wichtig; hast Du Vorschläge, wie die Liste erweitert werden kann? Lass es mich wissen, schreib mir einen Kommentar und ich werde weitere Ergänzungen vornehmen.

